Projektleitung: Ashkira Darman (Geschichte)
Institution: Realgymnasium Rämibühl, Zürich
Kontakt: ashkira.darman@rgzh.ch

Plattform: Postkolonialer Ansatz im Geschichtsunterricht

Postkolonialer Ansatz im Geschichtsunterricht

Beschreibung

Die Idee zu dieser Plattform entstand an den Schweizer Geschichtstagen an der Universität Zürich 2019. Ich organisierte ein Panel zum Thema «Postkoloniale Schweiz im Geschichtsunterricht». Das Panel richtete sich an Gymnasiallehrpersonen und stiess auf grosses Interesse. Während der Diskussion wurde immer wieder der Wunsch nach mehr Material, das einen postkolonialen Ansatz im Unterricht ermöglicht, geäussert. Der Mangel von geeignetem Unterrichtsmaterial wird wiederholt in der Fachliteratur angemerkt.

An dieser Stelle soll ein kurzer Einblick in die aktuelle Situation in Bezug auf Unterrichtsmaterial aus der Perspektive der postcolonial studies gegeben werden. Zu den Lehrplanthemen Kolonialismus oder auch Dekolonisierung gibt es inzwischen eine beträchtliche Auswahl an Unterrichtsmaterial und Quellen. Das Thema des Kolonialismus wird kritisch betrachtet und v.a. seine wirtschaftlichen / politischen Auswirkungen bis heute beleuchtet. Will man allerdings die kulturelle anstelle der realpolitischen Dimension des Kolonialismus stärker akzentuieren und ihn auch als eine mentale Struktur begreifen, lässt sich wenig Material finden, das für den Unterricht aufbereitet ist. Hinzu kommt die Problematik, dass die Thematik vorwiegend anhand von Quellen aus europäischer Perspektive aufgezeigt wird und die Kolonisierten immerzu auf eine reagierende Rolle begrenzt werden und nicht als eigene Akteure und Gestalter ihrer Geschichte in Erscheinung treten. Dies führt dazu, dass die hierarchisch gedachte Beziehung zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten ungewollt reproduziert wird.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass immer mehr unserer Schüler:innen eine internationale Familiengeschichte haben. Letztere sollte sich im gymnasialen Geschichtsunterricht widerspiegeln. An diesem Punkt soll die Plattform für postkolonialen Geschichtsunterricht ansetzen.

Bei diesem Projekt wird ein digitales Lernangebot für Schüler:innen sowie ein Materialangebot für Lehrpersonen aufgebaut. Das Material steht exklusiv auf der Plattform zur Verfügung und wäre sonst den Lehrpersonen und Lernenden nicht zugänglich. Zusätzlich ist geplant, dass die Schüler:innen das Materialangebot mit eigenen Recherchen / Projekten erweitern können.

Das zur Verfügung stehende Material bildet die Grundlage, davon ausgehend arbeiten die Schüler an den Themen mit Hilfe unterschiedlicher Tools, z.B. erstellen sie gemeinsam einen Audioguide für den Museumsbesuch, kreieren eigene Ausstellungen im virtuellen Raum, nutzen Social-Media-Kanäle, um selber weiteres Material zu finden oder mit Expert:innen / Künstler:innen in Kontakt zu treten. In Foren, z.B. klassenübergreifend, finden Diskussionen zum Thema statt. Informationen zu diesen Tools werden auf der Plattform zur Verfügung gestellt.

Das Lernangebot ist modulartig aufgebaut. Dementsprechend kann eine Lehrperson entscheiden, wie umfangreich die Unterrichtssequenz sein soll. In der ausführlicheren Variante ist bei einem Teil der Themen z.B. ein Besuch im Museum miteingeplant.

Das Lernangebot ermöglicht es, Unterrichtssequenzen im Fach Geschichte in Verbindung mit den transversalen Themen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Politische Bildung (PB) durchzuführen. BNE und PB werden in den neuen Fachrahmenlehrplänen als obligatorische Bereiche verankert werden. Dementsprechend entspricht dieses Projekt in der Ausrichtung der weiterentwickelten gymnasialen Maturität. 

Didaktisch-methodisches Konzept

Ein erstes Ziel der Plattform ist es, den Lehrpersonen und somit auch den Schülerinnen bis anhin nicht zugängliches Material für den Geschichtsunterricht zur Verfügung zu stellen. Ergänzt wird dieses mit bereits jetzt digital vorhandenem Material wie Videos, Interviews, Filmen, Musikvideos, Kunstwerken, Texten, etc.

Mit diesem Material soll es möglich sein, die oben beschriebene Rollenzuweisung sowohl in Bezug auf die Menschen der (ehemaligen) Kolonien, als auch in Bezug auf die Europäer:innen selbst zu durchbrechen. Dies soll den Lernenden ermöglichen eine andere Perspektive kennenzulernen, gleichzeitig aber auch über die Geschichte Europas / der Schweiz zu reflektieren. Denkmuster, Werte und stereotype Vorstellungen, die auf die Zeit des Kolonialismus zurückgehen, aber bis heute weiterwirken, können so erkannt und aufgegeben werden.

Das zentrale zweite Ziel der Plattform ist es, dass Schüler:innen mit dem Material arbeiten und eigene Projekte realisieren können. In Diskussionen sollen sie die aktuellen Debatten kennenlernen und sich eine eigene Meinung dazu bilden können. Es sollen dabei u.a. die folgenden Kompetenzen gefördert werden:

- Geschichte: Historische Frage-, Methoden-, Orientierungs- und Sachkompetenzen.

- Weitere Kompetenzen: Systemkompetenz, Antizipatorische Kompetenz, Normative Kompetenz, Kompetenz zu kritischem Denken, Selbsterfahrungskompetenz, Integrierte Problemlösungskompetenz.

- Kompetenzen im Bereich Digitalität: Mit Daten und Informationen umgehen, Kommunikation und Kollaboration gestalten, Medienkompetenz

Im Folgenden soll anhand von zwei Beispielen gezeigt werden, wie diese Kompetenzen gefördert werden können.

Beispiel 1: Rietbergmuseum

Ein Glücksfall für Zürich und die ganze Schweiz ist das Museum Rietberg mit seiner weltweit renommierten Sammlung und den international beachteten Sonderausstellungen. Anhand des Materials aus diesem Museum können z.B. die folgenden Themen im Unterrichtsfokus stehen:

- Aussereuropäische Geschichte/Politik/Kulturen mit Fokus auf der Perspektive der entsprechenden Bevölkerung, sowohl früher wie auch heute.

- Auseinandersetzung mit aktueller Kunst (Bild/Bildhauerei/Musik/Poetry Slam/Mode) z.B. aus afrikanischen Ländern und allgemeine Reflexion über das europäische Kunstverständnis.

- Auseinandersetzung mit der Rolle der Schweiz/einzelner Schweizer:innen während der Zeit des Kolonialismus sowie in der Zeit der Dekolonisierung bis heute.

- Provenienzforschung / Restitutionsdebatte

Zwei der Ausstellungen von 2019 und 2020 eigenen sich hervorragend zur Auseinandersetzung mit den oben genannten Themen. Es handelt sich um die Ausstellung «Fiktion Kongo» und die Ausstellung «Die Frage der Provenienz – Einblicke in die Sammlungsgeschichte». Da ich beide mit Klassen besucht habe, habe ich selbst erlebt, wie geeignet das gezeigte Material für die Arbeit mit Schüler:innen ist. Entsprechende Rückmeldungen habe ich auch von weiteren Kolleg:innen erhalten. Die Verantwortlichen des Museums Rietberg, u.a. Frau Esther Tisa, haben zugestimmt, dass auf der Plattform entsprechende Bilder von Gegenständen, Dokumenten sowie Texte aus den gedruckten Ausstellungskatalogen digital zugänglich gemacht werden dürfen. Somit ist das hervorragende Material weiterhin für die Arbeit mit Schüler:innen zugänglich. Zusätzlich können zur Ausstellung «Fiktion Kongo» Rezensionen, Berichte über die Ausstellungen (Videos) sowie Interviews mit den aktuellen Künstler:innen aufgeschaltet werden. Da in beiden Ausstellungen vorwiegend Gegenstände aus dem Besitz des Museums Rietberg gezeigt wurden, sind insbesondere in Bezug auf die Provenienzausstellung ein Teil der Gegenstände nach wie vor in der Sammlungsausstellung des Museums zugänglich und können mit den Schüler:innen vor Ort angeschaut werden. Ein weiterer Vorteil in Bezug auf das Material besteht darin, dass sich die Ausstellung geographisch auf asiatische Länder wie China, Indien und Sri Lanka sowie afrikanische Staaten bezog. Dies bietet die Möglichkeit stärker auf Länder zu fokussieren, zu denen Schüler:innen einen persönlichen Bezug haben.

Im Zusammenhang mit einem Besuch vor Ort würde sich das Projekt eines von der Klasse selbst erstellten Audioguides sehr eignen. Dieser könnte sogar von einer weiteren Klasse für einen Museumsbesuch genutzt werden. Zusätzlich könnten Kurzbeiträge zur Provenienzdebatte von den Schüler:innen im Museum aufgenommen werden. Diese Kurzvideos können der Klasse zur Verfügung gestellt werden und die Diskussion in der Form von Kommentaren weitergeführt werden. Mit zusätzlichem Material zur aktuellen Kunst/Musik/Kultur/Politik in den verschiedenen Ländern kann eine eigene Ausstellung im virtuellen Raum gemacht werden, die auch von anderen Klassen besucht werden kann. Dank Social Media sind Menschen aus geografisch weit entfernten Ländern viel näher. In diesen Projekten würden historische, allgemeine und digitale Kompetenzen gefördert.

2. Beispiel: Wandbild im Schulhaus Wylergut, Bern

Um die Thematik der postkolonialen Schweiz stärker in den Fokus zu rücken, eignet sich die Auseinandersetzung mit dem Wandbild im Schulhaus Wylergut in Bern ausgesprochen gut.

Folgende Aspekte können im Zusammenhang mit dem Wandbild diskutiert und analysiert werden:

- Die Rolle der Schweiz, Schweizer Firmen und Schweizern im europäischen Projekt Kolonialismus / Imperialismus.

- Kolonialismus als mentale Struktur: Denkmuster und Wertvorstellungen, die bis heute nachwirken.

- Wie umgehen mit dem Kulturerbe der Kolonialzeit im öffentlichen Raum. Diese sehr aktuelle Debatte kann idealerweise zusätzlich anhand von Beispielen in der jeweiligen Stadt, in der die Schüler:innen leben, diskutiert werden. In diesem Zusammenhang ist die Frage an die Schüler sehr spannend, was ihrer Meinung nach in Bezug auf Geschichte in der Schweiz in den öffentlichen Raum gehört, wobei die Verbindung zur aktuellen Denkmaldebatte gemacht wäre.

- Diskussion über die verschiedenen Akteur:innen in Bezug auf die aktuellen Debatten: Institutionen, Politik, Aktivist:innen, Mitglieder der Gesellschaft. Allgemein kann das Thema politische Partizipation diskutiert werden. Im Zusammenhang mit den BLM- und

den Klimastreik-Demonstrationen ist das ein Thema, dass die Jugendlichen heute sehr stark interessiert.

2019 hat die Stadt Bern einen Wettbewerb im Zusammenhang mit einem Wandbild im Schulhaus Wylergut ausgeschrieben. «Die Stadt Bern nimmt ein Werk der Künstler Eugen Jordi (1894 - 1983) und Emil Zbinden (1908 - 1991) im Schulhaus Wylergut als exemplarische Chance, das Kulturerbe der Kolonialzeit im öffentlichen Raum – und besonders im Schulkontext – kritisch einzuordnen. Die Wandmalerei von 1949 zeigt ein Alphabet, welches die Buchstabenfolge mit Tierbildern, einzelnen Pflanzen und Artefakten, aber auch mit drei stereotyp dargestellten Menschen aus Asien, Afrika und Amerika illustriert. Die Stadt Bern will am Beispiel des historischen Wandalphabetes im Schulhaus Wylergut die Aufarbeitung und den Umgang mit dem Kulturerbe der Kolonialzeit im öffentlichen Raum vorantreiben.» Im vergangenen Juni wurden in einer unerlaubten Aktion die drei Buchstabenfelder (der stereotypen Menschen) schwarz übermalt, was der Thematik eine zusätzliche Ebene hinzufügte.

Auch im Fall des Wandbilds handelt es sich um sehr aktuelles Material, das sonst den Lehrpersonen und den Schüler:innen nicht zugänglich wäre. Im Bernischen Historischen Museum ist eine Ausstellung geplant. Übergreifendes Thema dieser Ausstellung wäre die Schweiz während des Kolonialismus und das Wandbild wäre ein wichtiges Exponat. Im Rahmen dieser Ausstellung dürfte auch didaktisches Material entstehen und Führungen stattfinden. Zusätzlich würde der Prozess der Abnahme des Wandbildes sowie der gesellschaftlichen Diskussion darüber dokumentiert und digital zugänglich gemacht. Auf der Plattform könnten daher im Verlauf der kommenden eineinhalb Jahre sukzessiv zusätzliches Material aufgeschaltet werden. Eine Möglichkeit, diese Diskussion auch ins Schulzimmer zu holen, wäre in Form einer Forumsfunktion denkbar.

Informationen zu diesen sehr aktuellen Debatten sind vorwiegend im Netz zu finden. Durch eigene Recherche und die Diskussion im Klassenverband können die Lernenden ihre Medienkompetenz verbessern.

Die Themen sind sehr geeignet für interdisziplinäre Projekte. Ich bin dazu mit Vertreter:innen der Deutsch-, Musik- und BG-Fachschaft in Kontakt.

Wirkung

Neues Material, das ansonsten nicht einsehbar wäre, wird auf dieser Plattform interessierten Lehrpersonen aus der ganzen Deutschschweiz zugänglich gemacht.

Unterrichtsmaterial, das unter der postkolonialen Perspektive zusammengestellt wurde, ist noch verhältnismässig selten. Daher bildet das Material auf dieser Plattform eine wichtige Ergänzung zu bereits bestehendem Lehrmaterial. Somit kann der postkoloniale Ansatz stärker in den Geschichtsunterricht integriert werden.

Das Lernangebot ermöglicht es, mit diesem Material in kleineren oder grösseren Unterrichtssequenzen zu arbeiten. Es eignet sich auch sehr für interdisziplinäres Arbeiten.

Zahlreiche Kompetenzen im Bereich Geschichte, BNE, PB und Digitalität können mit diesem Projekt bei den Schüler:innen gefördert werden.

Die Arbeit mit unterschiedlichen Apps und Tools verstärkt insbesondere auch die Medienkompetenz bei den Schülern

 

SAMR-Modell

Erläuterung zum SAMR-Modell.

Das Projekt kann wegen der Integration von Social Media bzw. dem Erstellen von Audio-Guides für Museen im Bereich "Redefinition" angesiedelt werden.

 

Und sonst?

Nach Abschluss des Projekts werde ich die Plattform weiter pflegen und wenn möglich die Materialbasis erweitern. Eine weiterführende Idee besteht darin, Material, das andere Lehrpersonen zur Verfügung stellen wollen, unter deren Namen in die Plattform zu integrieren.

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